Bild eines Labortests

Sind IgG-Tests auf Lebensmittelunverträglichkeiten sinnvoll?

Ein kleiner Piks, ein Röhrchen Blut, ein paar Wochen Wartezeit.

Und dann eine bunte Liste: rot, gelb, grün. „Diese 40 Lebensmittel verträgst du nicht.“ Weizen, Ei, Hefe, Mandeln. Plötzlich steht die Hälfte des Speiseplans auf der Streichliste.

IgG-Bluttests auf „Lebensmittelunverträglichkeit“ sind ein großer Markt. Sie werden online, in Apotheken und von privaten Laboren angeboten und versprechen Antworten auf Beschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen, Müdigkeit oder Reizdarm. Je nach Testumfang können sie mehrere hundert Euro kosten.

Diese Tests sind nicht geeignet, um Lebensmittelallergien oder -unverträglichkeiten zu diagnostizieren. Gleichzeitig gibt es Studien, die zeigen, dass IgG-geleitete Eliminationsdiäten bei Menschen mit Reizdarm Symptome verbessern können.

Was diese Tests überhaupt messen

IgG steht für Immunglobulin G. Dabei handelt es sich um Antikörper, die Teil unseres Immunsystems sind.

Wenn du regelmäßig ein bestimmtes Lebensmittel isst, kommt dein Immunsystem immer wieder mit dessen Bestandteilen in Kontakt. Dabei können sich Antikörper bilden.

Das bedeutet zunächst nicht, dass dein Körper dieses Lebensmittel „nicht verträgt“. Im Gegenteil: Ein positiver IgG-Wert zeigt häufig schlicht, dass dein Immunsystem dieses Lebensmittel kennt.

Oder anders gesagt:

Wer regelmäßig Eier isst, kann Antikörper gegen Ei haben. Wer regelmäßig Weizen isst, kann Antikörper gegen Weizen haben.

Das ist zunächst einmal eine normale Immunreaktion.

Bei IgG4-Antikörpern ist die Interpretation sogar besonders interessant. In der Allergieforschung werden steigende IgG4-Spiegel teilweise eher mit einer Entwicklung von immunologischer Toleranz in Verbindung gebracht. Also damit, dass das Immunsystem gelernt hat, auf ein Allergen weniger problematisch zu reagieren.

Ein positiver IgG4-Test ist deshalb nicht einfach das Gegenteil von „verträglich“.

Viele kommerzielle Tests messen IgG-Antikörper gegen eine große Zahl von Lebensmitteln. Manche bestimmen zusätzlich oder ausschließlich die Unterklasse IgG4.

Das klingt zunächst plausibel: Antikörper gegen ein Lebensmittel, also reagiert der Körper offenbar darauf?

Entscheidend ist, was ihr Vorhandensein bedeutet: IgG-Antikörper entstehen, wenn dein Immunsystem ein Lebensmittel kennenlernt. Isst du regelmäßig Ei, Weizen oder Mandeln, bildet dein Körper dagegen mit hoher Wahrscheinlichkeit IgG. Das ist keine Fehlfunktion, sondern eine normale Immunantwort auf etwas, mit dem der Körper wiederholt Kontakt hatte.

Für IgG4 geht die Fachwelt sogar noch weiter: Sein Nachweis gilt eher als Zeichen von Toleranz, also dafür, dass das Immunsystem gelernt hat, mit einem Lebensmittel entspannt umzugehen (fachlich verknüpft mit der Aktivität regulatorischer Immunzellen). Ein positives IgG4-Ergebnis ist damit ein Hinweis auf Gewöhnung.

Wichtig ist die Unterscheidung: Gesamt-IgG spiegelt vor allem Kontakt und Ernährungsgewohnheiten wider, IgG4 zusätzlich eine tolerante Immunlage. In beiden Fällen gilt: Ein hoher Wert sagt in erster Linie, dass du dieses Lebensmittel isst. Nicht, dass du es nicht verträgst.

Was die Fachgesellschaften sagen

Mehrere allergologische Fachgesellschaften raten davon ab, IgG- oder IgG4-Tests zur Diagnose einer Lebensmittelallergie oder Lebensmittelunverträglichkeit einzusetzen.

Dazu gehören unter anderem:

  • die European Academy of Allergy and Clinical Immunology (EAACI)
  • die deutschsprachigen allergologischen Fachgesellschaften, darunter DGAKI, ÄDA und GPA
  • die American Academy of Allergy, Asthma & Immunology (AAAAI)
  • die Canadian Society of Allergy and Clinical Immunology (CSACI)

Der Grund ist einfach:

Ein hoher Wert beantwortet also nicht automatisch die Frage, die für Betroffene eigentlich relevant ist:

Für die Diagnostik von Allergien und klassischen Intoleranzen sind daher andere Verfahren notwendig.

Dass ein Test nicht zur Diagnostik geeignet ist, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jede darauf basierende Ernährungsintervention zwangsläufig wirkungslos sein muss.

„Aber es gibt doch Studien!“

Ja, die gibt es:

  • In einer randomisiert-kontrollierten Studie (Atkinson et al., Gut 2004) senkte eine IgG-geleitete Eliminationsdiät die Reizdarm-Symptome stärker als eine Scheindiät, die gleich viele Lebensmittel strich (deutlicher bei den therapietreuen Teilnehmenden). Lockerten sie die Diät wieder, verschlechterten sich die Symptome.
  • Eine neuere, multizentrische, doppelblinde, placebo-kontrollierte Studie (Singh et al., Gastroenterology 2025) mit 238 Reizdarm-Patient:innen fand, dass mehr Teilnehmende der IgG-geleiteten Diät den primären Endpunkt (deutliche Schmerzreduktion) erreichten als in der Scheindiät-Gruppe (rund 60 % vs. 42 %). Der Nutzen war beim Verstopfungs- und beim Mischtyp am stärksten.

An der Idee, dass eine strukturierte, individuell zugeschnittene Auslassdiät bei Reizdarm helfen kann, ist etwas dran.

Wie sollte man die Tests einordnen?

Es ist unklar, ob die IgG-Steuerung überhaupt der wirksame Teil ist. Viele Lebensmittel, die im Test „auffällig“ werden, sind zufällig auch FODMAP-reich (z. B. Weizen, Milchprodukte, bestimmte Hülsenfrüchte). Der Effekt könnte also schlicht vom Weglassen dieser Lebensmittel kommen, nicht von den Antikörpern. Dass in den Studien auch die Placebo-Gruppen deutlich profitierten (in der 2025-Studie über 40 %), zeigt, wie stark allein das strukturierte Weglassen und die Zuwendung wirken.

Der Vergleich mit dem Goldstandard fehlt. Der Low-FODMAP-Ansatz ist die am besten untersuchte und bislang einzige leitlinienempfohlene Ernährungstherapie beim Reizdarm. Solange IgG-geleitete Diäten nicht direkt dagegen getestet sind, lässt sich nicht sagen, ob sie besser, gleich gut oder schlechter sind.

Forschungs-Assay ≠ Konsumtest. Die 2025-Studie nutzte einen speziell für Reizdarm entwickelten Test mit 18 Lebensmitteln, nicht die 100- bis 200-Lebensmittel-Panels, die dir online als „Unverträglichkeitstest“ verkauft werden. Die Studie validiert also nicht das Produkt im Warenkorb.

Standardisierung und Langzeitdaten fehlen. Verschiedene kommerzielle IgG-Tests liefern unterschiedliche Ergebnisse, es gibt kaum Langzeitdaten und keine belastbaren Meta-Analysen. Genau deshalb raten Fachgesellschaften vom Routineeinsatz außerhalb von Studien ab.

Warum sich viele nach dem Test besser fühlen

Wer die „positiven“ Lebensmittel streicht, ändert meist das ganze Essverhalten: weniger Fertigprodukte, weniger nebenbei, bewusster und regelmäßiger. Dazu kommt der starke Effekt, den das strukturierte Weglassen und die Erwartung an sich haben, in den Studien sichtbar an den hohen Ansprechraten sogar der Scheindiäten.

Das Ergebnis kann echt sein. Nur ist der teure Test dafür selten allein die Ursache..

Was zu bedenken ist

Ein breit angelegter Verzicht ist nicht harmlos, wenn er dauerhaft und ohne Begleitung passiert:

  • Weniger Vielfalt auf dem Teller bedeutet weniger Vielfalt an Ballaststoffen und damit potenziell weniger Futter für ein artenreiches Mikrobiom.
  • Fallen viele Grundnahrungsmittel weg, steigt das Risiko, dass Nährstoffe zu kurz kommen.
  • Aus einer Liste wird schnell ein enges Regelwerk. Für manche Menschen ist das der Einstieg in ein angstbesetztes Essverhalten.

Das sind Vorsichtsargumente, keine für IgG-Tests bewiesenen Folgen, aber gute Gründe, nicht auf eigene Faust die halbe Ernährung zu streichen.

Was sinnvoll ist

Deine Beschwerden sind echt. Der Weg dorthin führt aber nur selten über ein IgG-Panel:

  • Verdacht auf eine echte Allergie (Quaddeln, Schwellung, Atemnot, meist kurz nach dem Essen): allergologische Abklärung mit IgE-Diagnostik und Pricktest.
  • Verdacht auf Laktose- oder Fruktoseintoleranz: H2-Atemtests messen hier das Richtige.
  • Verdacht auf Zöliakie: gezielte Diagnostik, wichtig: bevor Gluten weggelassen wird!
  • Diffuse Bauchbeschwerden im Reizdarm-Spektrum: eine strukturierte, begleitete Auslass- und Wiedereinführungsphase. Etwa ein Low-FODMAP-Ansatz als am besten untersuchter Weg. Also nicht pauschal streichen, sondern gezielt beobachten, testen und wieder einführen, mit dem Ziel, am Ende möglichst viel zu vertragen.

Fazit

IgG- und IgG4-Tests messen vor allem Gewöhnung, nicht Unverträglichkeit. Für die Diagnose von Allergien und Intoleranzen sind sie ungeeignet, und die Fachgesellschaften raten einheitlich davon ab. Gleichzeitig ist die Forschung zu IgG-geleiteten Eliminationsdiäten beim Reizdarm ehrlicherweise nicht tot: Kontrollierte Studien zeigen einen Effekt. Nur ist offen, ob dieser Effekt an den Antikörpern hängt oder am Weglassen selbst, wie er sich zum Low-FODMAP-Standard verhält; und die im Handel verkauften Mega-Panels sind dadurch nicht validiert.

Für dich heißt das konkret: Spar dir den teuren Selbsttest. Wenn deine Beschwerden bleiben, ist der bessere Weg eine strukturierte, begleitete Auslassdiät, denn die ist wirksam, ohne dass du dafür Blut ins Labor schicken musst.


Quellen

  • Stapel SO, Asero R, Ballmer-Weber BK, Knol EF, Strobel S, Vieths S, Kleine-Tebbe J; EAACI Task Force. Testing for IgG4 against foods is not recommended as a diagnostic tool: EAACI Task Force Report. Allergy. 2008;63(7):793–796.
  • Kleine-Tebbe J et al. IgG- und IgG4-Bestimmungen gegen Nahrungsmittel werden nicht zur Diagnostik empfohlen. Positionspapier der DGAKI, des ÄDA, der GPA sowie der österreichischen (ÖGAI) und schweizerischen (SGAI) Fachgesellschaften, ca. 2010.
  • American Academy of Allergy, Asthma & Immunology (AAAAI). Support of the EAACI Position Paper on IgG4. J Allergy Clin Immunol. 2010;125(5):1410.
  • Canadian Society of Allergy and Clinical Immunology (CSACI). Position statement on the testing of food-specific IgG.
  • Atkinson W, Sheldon TA, Shaath N, Whorwell PJ. Food elimination based on IgG antibodies in irritable bowel syndrome: a randomised controlled trial. Gut. 2004;53(10):1459–1464.
  • Singh P et al. A Novel, IBS-Specific IgG ELISA-Based Elimination Diet in Irritable Bowel Syndrome: A Randomized, Sham-Controlled Trial. Gastroenterology. 2025.

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle Beratung oder ärztliche Diagnostik.


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