Warum Ambivalenz kein Versagen ist. Sondern ein Signal.
Du weißt, dass du mehr Gemüse essen möchtest. Du weißt, dass dir Schlaf fehlt, dass du eigentlich früher aufhören wolltest mit dem Abendsnack, dass du dir schon hundertmal vorgenommen hast, nach der Arbeit nicht mehr unkontrolliert in den Kühlschrank zu greifen.
Und trotzdem. Da ist dieses Tierchen.
Es will Schokoladenkuchen. Es will die zweite Portion. Es will nichts ändern, obwohl du eigentlich weißt, dass eine Veränderung dir guttäte.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl: gleichzeitig wollen und nicht wollen. Gleichzeitig motiviert und erschöpft sein. Gleichzeitig wissen, was dir hilft. Und es trotzdem nicht zu tun.
Das hat einen Namen. Und es ist kein Versagen.
Was Ambivalenz wirklich bedeutet
In der Psychologie nennt man das Ambivalenz: das gleichzeitige Vorhandensein von zwei entgegengesetzten Impulsen. Und sie ist nicht das Zeichen eines schwachen Charakter. Sie ist eine definierte Phase im Veränderungsprozess.
Das Transtheoretische Modell (Prochaska & DiClemente, 1983) beschreibt sie als „Kontemplation“: Man weiß, dass eine Veränderung sinnvoll wäre, und ist noch nicht bereit dazu. Beides gleichzeitig. Und das ist vollkommen normal.
Auch die Forschung rund um Motivational Interviewing – ein Ansatz aus der Verhaltenspsychologie, der ursprünglich in der Suchtbehandlung entwickelt wurde – zeigt: Ambivalenz ist nicht das Hindernis auf dem Weg zur Veränderung. Sie ist der Weg. Wer ambivalent ist, setzt sich bereits innerlich mit Veränderung auseinander.
Wer ambivalent ist, setzt sich bereits innerlich mit Veränderung auseinander.
Das Tierchen in dir, das Schokoladenkuchen will, ist nicht dein Feind – es meldet sich, weil irgendetwas gerade nicht stimmt.
Was das Tierchen eigentlich sagen will
Ich erlebe es in meiner Arbeit immer wieder: Jemand kommt mit dem Wunsch, „endlich gesünder zu essen“. Und wenn wir genauer hinschauen, steckt dahinter oft viel mehr als ein Ernährungsproblem.
Das Tierchen, das abends Süßes will, sagt manchmal:
- Ich habe den ganzen Tag funktioniert und brauche jetzt etwas, das sich nach mir anfühlt.
- Ich hatte heute keine echte Pause. Das hier ist meine Pause.
- Ich bin erschöpft. Und mein Körper sucht nach schneller Energie, weil ihm etwas fehlt.
- Essen ist gerade das Einzige, das sich zuverlässig gut anfühlt.
Das sind keine Schwächen. Das sind Signale.
Und sie verdienen eine ehrliche Antwort. Keine Verbotsliste, keine neue Diät und keinen Kampf gegen dich selbst.
Warum „mehr Disziplin“ meistens nicht hilft
Die naheliegende Reaktion auf Ambivalenz ist: mehr Kontrolle ausüben. Strenger sein. Einen Plan aufstellen und ihn dann wirklich durchziehen.
Kontrollstrategien funktionieren häufig kurzfristig. Und erschöpfen langfristig. Was die Forschung dazu zeigt, ist ernüchternd: Restriktion und Diäten lösen biologisch eine Gegenregulation aus: der Körper senkt den Grundumsatz, der Hunger steigt, die Wahrscheinlichkeit einer späteren Gewichtszunahme ebenfalls. Gisch & Bilic (2025) sowie Tomiyama et al. (2013) nennen das den „Teufelskreis der Diäten“. Wenn du also das Gefühl hast, dass mehr Disziplin nie wirklich hilft: Das ist kein persönliches Versagen. Das ist Biologie.
Was stattdessen hilft: Neugier. Die Frage lautet nicht: „Warum schaffe ich es mal wieder nicht?“. Sondern: „Was brauche ich gerade wirklich?“.
Das ist keine Einladung zur Beliebigkeit. Es ist eine Einladung zur Ehrlichkeit.
Und was ist mit dem Schokoladenkuchen?
Hier ist die gute Nachricht: Schokoladenkuchen ist nicht das Problem.
Weder ernährungsphysiologisch noch psychologisch macht ein Stück Kuchen einen Unterschied – solange du ihn essen kannst, ohne dich anschließend zu bestrafen oder dir zu sagen, dass du es „mal wieder versaut“ hast.
Was einen Unterschied macht: die Geschichte, die du dir dabei erzählst.
Wenn Kuchen bedeutet „Ich hab versagt“, entsteht ein Kreislauf aus Schuld, Kompensation und erneutem Widerstand. Wenn Kuchen einfach Kuchen ist: ein Genussmittel, das manchmal gut passt und manchmal nicht, verliert er seine Macht.
Ernährung als Selbstfürsorge zu verstehen heißt nicht, immer alles „richtig“ zu machen. Es heißt, ein Verhältnis zu Essen zu entwickeln, das dich trägt. Auch dann, wenn du ambivalent bist. Auch dann, wenn das Tierchen sich meldet.
Was du damit anfangen kannst
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du hin- und hergerissen bist zwischen dem, was du dir vornimmst, und dem, was du wirklich willst – dann versuch mal, kurz innezuhalten.
Nicht um dich zu zügeln. Sondern um neugierig zu sein.
Frag dich:
- Was will das Tierchen gerade wirklich?
- Was brauche ich in diesem Moment?
- Und wäre der Kuchen eine echte Antwort auf dieses Bedürfnis, oder nur ein Versuch, etwas anderes zu stillen?
Manchmal lautet die Antwort: Ja, ich will jetzt Kuchen, und das ist völlig in Ordnung.
Manchmal merkst du: Eigentlich will ich mich kurz hinsetzen. Oder jemanden anrufen. Oder einfach tief durchatmen.
Beides darf sein. Beides gehört zum Mensch sein dazu.
„Ernährung verstehen, nicht nur umsetzen“
Es geht nicht darum, den perfekten Ernährungsplan zu haben. Es geht darum, dich selbst besser zu verstehen: deine Bedürfnisse, deine Muster, deine Signale.
Das Tierchen in dir hat keine schlechten Absichten. Es will nur gehört werden.
Und wenn du anfängst, ihm zuzuhören, kann Essen wieder etwas werden, das dich unterstützt. Statt ein weiterer Bereich zu sein, in dem du dich täglich beweisen musst. Was Tribole & Resch (2025) als Intuitives Essverhalten beschreiben: eine gesunde Beziehung zum eigenen Körper, zum Essen und zu Nahrungsmitteln, die sich an inneren Signalen orientiert statt an Regeln.
Nicht perfekt. Aber tragfähig.
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Quellen und wissenschaftlicher Hintergrund
Dieser Artikel basiert auf etablierten Konzepten aus der Ernährungspsychologie und Verhaltensforschung:
Motivational Interviewing & Ambivalenz Miller, W.R. & Rollnick, S. (2015). Motivierende Gesprächsführung. 3. Auflage. Freiburg: Lambertus.
Transtheoretisches Modell der Verhaltensänderung Prochaska, J.O. & DiClemente, C.C. (1983). Stages and processes of self-change of smoking: Toward an integrative model of change. Journal of Consulting and Clinical Psychology, 51(3), 390–395.
Teufelskreis der Diäten Tomiyama, A.J. et al. (2013). Low calorie dieting increases cortisol. Psychosomatic Medicine, 72(4), 357–364. Gisch, U. & Bilic, S. (2025). Gewichtsneutrale Ansätze in der Behandlung von Adipositas. Vortrag, JLU Gießen.
Intuitives Essverhalten Tribole, E. & Resch, E. (2025). Intuitive Eating. 4. Auflage. Tylka, T.L. (2006). Development and psychometric evaluation of the Intuitive Eating Scale. Journal of Counseling Psychology, 53(2), 226–240.


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